Ein Blick in die Welt von morgen mit Matthias Horx:

28.11.2012
WKNÖ

Womennomics gehört die Zukunft!

   

Mit einem beeindruckenden Vortrag über die wichtigsten Mega-Trends fesselte Matthias Horx im WIFI St. Pölten sein Publikum. Mehr als 400 Unternehmerinnen und Unternehmer waren der Einladung von Frau in der Wirtschaft und der Sparte Handel in der WKNÖ gefolgt, um von einem der international bekanntesten Zukunftsforscher mehr darüber in Erfahrung zu bringen, „wie wir und unsere Kunden in Zukunft Leben werden“.

 

Ganz allgemein ist es für Wirtschaftstreibende von großer Bedeutung, dass sie den Zeitgeist richtig deuten. Ob gleich ob es sich dabei um lang- oder kurzfristige Erscheinungen handelt. Im Falle von Mitveranstalter Franz Kirnbauer, Obmann der Sparte Handel, ist dies die Nachhaltigkeit: "Wir als Holzhandel haben diesen Trend frühzeitig erkannt und aus einem anfänglichen Nachteil einen Vorteil gemacht". Und FIW Vorsitzende Waltraud Rigler zum weiblichen Gspür: „Wir Frauen haben ein besonderes Feeling, wenn es darum geht Trends aufzuspüren." "Wenn dann der Kunde das was er lange gesucht hat, nur bei mir findet, ist das das Schönste, was einem passieren kann", meinte auch WKNÖ-Präsidentin Sonja Zwazl.


Dennoch überraschte es auch die Zuhörinnen im Saal, als Horx darüber referierte, welche tiefgreifende Veränderungen die Megatrends bewirken werden und welche Rolle dabei das „weibliche Element“ spielen wird.



Lesen Sie mehr dazu im nachstehenden Interview:

  • Herr Horx, wie wird der zukünftige Konsument aussehen? Wird es neue Rollenmuster geben?

Horx: Megatrends, wie Feminisierung oder Downaging verändern unser altes auf der industriellen Kultur fußendes dreigliedriges Biographie-Modell. Die Lebenserwartung steigt ständig, es entstehen neue Lebens-Abschnitte und damit entwickeln sich neue „Pionier Gruppen”, deren Lebensstil zunehmend auch die Mehrheiten beeinflusst: Wie etwa die Tiger Ladies, das sind nach Selbständigkeit strebende Frauen um die 50. Oder die Communi-Teen, die durch Internet und Social Media geprägten Jugendlichen. Super-Daddys sind neue Väter, denen ihre elterliche Rolle wichtiger als die Karriere ist. Super – Grannys sind wiederum Großeltern, die sich intensiv um ihre Enkel kümmern und auf diese Weise jung und aktiv bleiben.

  • Und was sagt der Zukunftsforscher über die Trends?

Horx: Vergessen sie Trends! Das mag jetzt vielleicht provokant klingen. Aber Trends sind lediglich Moden, kurze Wirklichkeiten. Fortschritt ist nur möglich, wenn jemand intelligent gegen die Regeln verstoßt, machen Sie sich ihre eigenen Trends! Was für die Zukunftsforschung zählt, sind allein die Megatrends!

 

  • Inwiefern?

Horx: Nur Megatrends sind in der Lage, die Spielregeln unseres menschlichen Zusammenlebens zu verändern. Megatrends sind langfristig, wirken über Jahrzehnte oder noch länger. Sie sind allgegenwärtig, d.h. sie kommen überall vor und sie sind rückschlagfest. Megatrends sind die wirklichen, großräumigen Treiber des Wandels.
Etwa bei der Gesundheit. Der Begriff bekommt eine neue Bedeutung, es geht nicht mehr nur darum „nicht krank“ zu sein,  sondern um Fitness und Wellbeing als Ressource. Der krisengeschüttelte Gesundheits-Sektor wächst so zu einem neuen ökonomischen Kern-Sektor heran. Down-Aging ein weiterer Megatrend führt zu einer Veränderung der Lebensphasen, zu einer Verjüngung des Sozialverhaltens.

 

  • Sie sprechen auch vom „Megatrend Frauen“. Was verstehen Sie darunter?

Horx: Es geht hier um die Umverteilung der zentralen Ressource Bildung. In den letzten 30 Jahren hat sich in fast allen OECD-Ländern eine nachhaltige weibliche Bildungsrevolution entwickelt. Beim Bildungsgrad haben die Frauen die Männer vielerorts bereits überholt.

  • Führt dieser weibliche Bildungsüberschuss nicht zu enormen Konflikten und Spannungen?

Horx: Unsere klassische Familienstruktur stammt aus der industriellen Kultur, es entsteht ein „Gender War”. Dabei ist die „Frauenfrage“ kein Sozialproblem, hier geht es um Womenomics, es geht um Wachstum. Ich frage Sie, wo hat unsere Gesellschaft noch Produktivitätsreserven, als bei den Frauen? Das wird auch die bei uns vorherrschende männerbasierte Präsenzkultur zur Kenntnis nehmen müssen.

  • Die bitte, was?

Horx: Schauen Sie sich das Skandinavische Modell an. Wenn dort jemand länger als 8 Stunden an seinem Arbeitsplatz sitzt, macht man sich schon Sorgen, dass vielleicht was nicht mit seinem Privatleben stimmt. Eine ordentliche Produktivität, so die landläufige Meinung in den nordischen Ländern könne es eben nur bei einer ordentlichen Work-Life-Balance geben.

  • Eine Tatsache, die in diesem Zusammenhang nachdenklich stimmen sollte ist die Geburtenrate?

Horx: Richtig. Hier schneidet Skandinavien wesentlich besser ab, als etwa wir in Österreich oder Deutschland.

  • Über welche Fähigkeiten sollte der Unternehmer bzw. die Unternehmerin von morgen verfügen?

Horx: Er sollte vor allem einen gesunden Menschenverstand haben. „Every business is people-Business“. Für eine reine Kommandowirtschaft wird es keinen Platz mehr geben, motivieren zu können wird für UnternehmerInnen immer wichtiger werden.

  • Stichwort Eurokrise. Momentan haben viel mehr Menschen Angst vor der Zukunft, als gewöhnlich. Steht die Eurozone vor dem Zerfall, fragen sich viele?

Horx: Das ist wohl eher das Wunschdenken von einigen  internationalen Finanzjongleuren und  des amerikanischen Kapitals. Die Abwertung des alten Kontinents hat dort eine lange Tradition. Amerika ist ja als eine Art Anti-Europa entstanden. Ein beachtlicher Teil der Eliten denkt und fühlt europa-verächtlich, besonders im Süden.Die Frage ist vielmehr, wie belastbar soziale und ökonomische Systeme an sich sind? 

  • Kann hier die Zukunftsforschung eine Antwort geben?

Horx: Bei der Stabilität von sozio-ökonomischen Systemen ist die Rückkoppelung der Schlüssel. Es kommt darauf an, wie widerstandsfähig politische Systeme sind. Können sie sich nach Krisen wiedererfinden oder sind sie zum Untergang verdammt? Europa als System wird ständig komplexer und dieser steigenden Komplexität steht keine adäquate Steuerungssoftware gegenüber. Diese müssen wir erfinden.

  • Ist Europa demnach kein Auslaufmodell?

Horx: Europa als Kultur- und Organisationsmodell ist work in progress und Krisen beschleunigen diese Arbeit. Leben entsteht aus Krisen, nur wenn wir die Krisen verdrängen, dann kommen wir nicht weiter. Natürlich ist das jetzt nicht das Ende der Entwicklung. Europas „Nachteil“ seine Vielfalt, seine Nicht-Einheit ist gleichzeitig sein Vorteil. Eben weil Europa so ein unruhiger und „nervöser“ Kontinent ist, ist er so vital.


 

Rückfragen:

Frau in der Wirtschaft
T 02742/851 13402
E fiw@wknoe.at
H http://wko.at/noe/fiw

Sparte Handel
T 02742/851 18301
E handel.sparte@wknoe.at
H http://wko.at/noe/handel 

 

Bildergalerie

Gemeinsamer Blick in die Zukunft, Fotos: WKNÖ/Kraus