Interview mit Dr. Christoph Jenny

11.06.2012

Stv-Direktor und Leiter der Lehrlingstelle in der Wirtschaftskammer Vorarlberg

 

1. Eine der größten Herausforderungen der österreichischen Wirtschaft ist der Fachkräftemangel. Drei Viertel der Unternehmen haben bereits Probleme, ihren Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern zu decken. Wie kann die duale Ausbildung noch attraktiver gestaltet werden?
 
Die duale Ausbildung bietet Jugendlichen eine moderne und sehr praxisnahe Ausbildung mit einer enormen Vielfalt an beruflichen Möglichkeiten. Über die Berufsreifeprüfung, die seit einigen Jahren bereits während der Lehrlingsausbildung in Angriff genommen werden kann, eröffnet sich der Zugang an Universitäten und Fachhochschulen. Motivierte Jugendliche müssen sich so nicht mehr zwischen einer praxisorientierten oder einer theoretischen Ausbildung entscheiden, sondern können einen Lehrabschluss und die Matura erreichen.
 
Der Reiz einer Ausbildung definiert sich für die meisten Menschen sehr stark über die eigene Einschätzung der beruflichen Möglichkeiten, die sich mit dieser Ausbildung verbunden sind. Attraktive Berufsbilder mit interessanten Karrieremöglichkeiten machen auch die vorgelagerten Ausbildungswege interessant. Gerade in technischen Berufsfeldern, die sich rasant verändern, fehlen den Jugendlichen (und ihren Eltern) vielfach konkrete Vorstellungen bzw. stimmen diese nicht (mehr) mit der Realität überein – dabei bieten sich gerade in technischen Bereichen spannende und herausfordernde berufliche Perspektiven. Diese Bilder gilt es zu schärfen.
 
 
2. Worin liegen die Herausforderungen 2012?
 
Die große Herausforderung nicht nur 2012, sondern auch darüber hinaus, liegt sicherlich in der demographischen Entwicklung. Nach Jahren ständig steigender Schülerzahlen in der Vergangenheit wird die Anzahl der Pflichtschulabgänger in Vorarlberg bis 2015 um etwa          20 % abnehmen. Vor dem Hintergrund eines sich zunehmend verschärfenden Fachkräfte­mangels wird diese Entwicklung zu einer ganz zentralen Herausforderung für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg.
 
 
3. Großbetriebe versuchen Ihren Bedarf an Nachwuchskräften durch Lehrlingscastings und Schnuppertage zu decken. Kleinere Unternehmen haben es da schwerer. Welche Möglichkeiten haben KMUs, um geeignete Lehrlinge zu finden?
 
Auch kleinere Unternehmen haben die Möglichkeit, sich über ein entsprechendes Engage­ment und eine überdurchschnittliche Qualität in der Lehrlingsausbildung zu positionieren und ein Image als Ausbildungsbetrieb aufzubauen. Die Erfahrungen beweisen, dass die Qualität der Ausbildung nicht unbedingt von der Größe des Unternehmens abhängt. Im Wettbewerb um die besten Talente wird künftig die Qualität der Ausbildung, die ein Unternehmen bietet, einen noch höheren Stellenwert einnehmen.
 
 
4. Im Jahr 2010 wurde 861 Lehrvertrage vorzeitig aufgelöst. Betroffen waren vor allem Lehrlinge im Gastgewerbe und im Einzelhandel. Die Wirtschaftskammer will diese Zahl auf die Hälfte reduzieren. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach diese Zahl reduzieren?
 
In einer von der Wirtschaftskammer und der Arbeiterkammer gemeinsam durchgeführten Umfrage bei Lehrlingen und Ausbildungsbetrieben, die von einer vorzeitigen Auflösung eines Lehrverhältnisses betroffen waren, ist den Ursachen für das Scheitern von Lehrverhältnissen nachgegangen worden.
 
Unter­schiedlichen Erwartungshaltungen bzw. eine divergierende Wahrnehmung des Lehr­lings und des Ausbildungsbetriebs in Bezug auf die Ausbildung oder die betrieblichen Verhältnisse sowie eine mangelhafte oder gänzlich fehlende Kommunikation sind demnach in vielen Fällen für die vorzeitige Auflösung eines Lehrverhältnisses verantwortlich. Darüber hinaus investieren die betroffenen Jugendlichen im Vorfeld ihrer Ausbildung meist zu wenig Zeit und Energie, um sich über ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten und die damit korrespondierenden beruflichen Möglichkeiten klar zu werden.
 
Etwa die Hälfte der Befragten hat im Rahmen der Umfrage angegeben, dass die vorzeitige Auflösung des Lehrverhältnisses vermeidbar gewesen wäre.
 
Daher muss es uns gelingen, dass die Jugendlichen im Rahmen der Berufsorientierung die vielfältigen Angebote (Berufsberatung, Potenzialanalyse, berufspraktische Tage, …) noch stärker nutzen. Eine verbesserte Kommunikation etwa durch regelmäßige Ausbildungsgespräche sowie die frühzeitige Inanspruchnahme unterstützender Angebote, wie die Ausbildungsberatung oder das Lehrlingscoaching, sind weitere erfolgversprechende Ansätze, um die Zahl der vorzeitigen Lehrvertragsauflösungen zu reduzieren.
 
 
5. Welche Maßnahmen im Punkto Lehrlingsförderung setzt die Wirtschaftskammer 2012?
 
Es existiert in Vorarlberg schon derzeit eine breite Palette an Initiativen und unter­stützenden Angeboten, die vom Land, der Wirtschaftskammer und der Arbeiterkammer gemeinsam getragen werden. Dabei spannt sich der Bogen von der Unterstützung Jugendlicher am Übergang von der Schule in das Berufsleben (Chancenpool Vorarlberg) über Beratungs- und Unterstützungsangebote, die auf eine hohe Qualität in der Lehrlingsausbildung (Ausbildungsberatung, Ausbildungsverbünde, …) abzielen bis zur Unterstützung bei Auftreten von Problemen (Lehrlingscoaching, Lernschwächen, …).      
Diese Angebote sollen auch 2012 bedarfsorientiert weiterentwickelt und ausgebaut werden.
 
 
6. Für 2012 wird ein Einbruch des Wirtschaftswachstums erwartet. Glauben Sie, wirkt sich das auch auf die Lehrlingsausbildung bzw. Lehrlingszahlen aus?
 
Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass die Lehrlingsausbildung in den Vorarlberger Unternehmen längerfristig gesehen wird und daher ihr Engagement in der Ausbildung von einer - zeitlich absehbaren - negativen wirtschaftlichen Entwicklung nicht beeinträchtigt wird. So ist es etwa auch im Krisenjahr 2008 gelungen, die Lehrlingszahlen in Vorarlberg auf hohem Niveau stabil zu halten. Allerdings ist heuer aufgrund der demografischen Entwicklung mit einem Rückgang der Lehrlingszahlen zu rechnen.
 
 
7. Eine Schlüsselrolle in Sachen Lehrlinge nehmen in Zukunft auch Migranten ein. Gibt es spezielle Programme?
 
Der Anteil der Migranten im gesamten Berufsbildungsbereich ist tatsächlich unter­durchschnittlich – in Vorarlberg entfallen etwas mehr als 5 % der Lehrlinge auf Jugendliche mit nichtdeutscher Muttersprache. Als Ursache dafür spielt einerseits die mangelnde Berufsinformation eine wesentliche Rolle, aber auch die Einstellung zu Beruf und Arbeit ist von Bedeutung. In vielen migrantischen Familien fehlt es am Wissen über das österreichische Ausbildungssystem, insbesondere über die Lehrlingsausbildung, die in dieser Form auf den deutschen Kulturkreis beschränkt ist.
Bildung setzt strukturelle Weichen für die Zukunft der Menschen mit Migrationshintergrund und stellt einen der wichtigsten politischen Ansatzpunkte dar. Ein besonderer Fokus liegt daher auf der Unterstützung von Lehrlingen mit Migrationshintergrund und ihren Ausbildern sowie auf von Migranten geführten Betrieben, die selbst oft keine Lehrlinge ausbilden, da sie die Lehre nicht als betriebliche Ausbildungsschiene entdeckt haben. Zum einen können damit wichtige integrative Schritte gesetzt werden, zum anderen entschärfen mehr Lehrlinge mit Migrationshintergrund die demographischen Herausforderungen.
 
 

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