Arbeitszeitverkürzung ist "absoluter Schwachsinn"

07.05.2012
Peter Schöndorfer

Als „wirtschaftspolitisch gefährlichen Unfug“ bezeichnet Wirtschaftskammerpräsident Pacher Diskussionen um eine Verkürzung der Arbeitszeit. Und er warnt die MitarbeiterInnen: "Der Druck und damit die Burn-out-Gefahr würden steigen."

   

Strikt gegen die von ÖGB und SPÖ entfachte Debatte um eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit sprach sich am Montag Kärntens Wirtschaftskammerpräsident Franz Pacher aus. Diesbezügliche Überlegungen nannte Pacher "absoluten Schwachsinn. Die wahre Welt da draußen schaut anders aus - in der Regel erreicht man mehr, wenn man härter arbeitet, nicht weniger."

 


Rückkehr zur 40-Stunden-Woche
In Zeiten einer schweren Staatsschuldenkrise und der zunehmenden Konkurrenz von Staaten wie Brasilien oder China könne allein der Gedanke daran, weniger zu arbeiten, nur wirtschaftsfernen Politikerhirnen entspringen, kritisierte Pacher. Schon aufgrund seiner starken Exportwirtschaft müsse Österreich international wettbewerbsfähig bleiben, um die hohe Beschäftigung und die hohen Steuerleistungen zu halten - "sonst bekommen wir riesengroße Probleme!" Deshalb verlangt Pacher die generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche und eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle, um die Position Österreichs halten zu können.
 
Burn-out-Gefahr steigt
Vor allem warnte Pacher die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Durch eine Arbeitszeitverkürzung steige der Druck auf die Arbeitnehmer, in weniger Zeit dasselbe zu leisten. Gleichzeitig würden Unternehmen zur Rationalisierung gezwungen. Außerdem verschärfe eine Arbeitszeitverkürzung den Fachkräftemangel, weil das Potenzial hochqualifizierter Kräfte und von Führungskräften nicht mehr ausgeschöpft werden könne. Die Wirtschaft sei aber gerne bereit, über Modelle zur weiteren Arbeitszeitflexibilisierung zu sprechen. Die Erfahrung aus der Krise 2009 habe gezeigt, dass flexible Arbeitszeiten Arbeitsplätze sichern würden. Auftragsschwankungen seien in Österreich nicht durch "hire & fire", sondern durch Überstunden, langfristige Durchrechnung von Arbeitszeit und Kurzarbeit abgefangen worden.
 
Keine neuen Schulden
Österreich sei mit überschaubaren Arbeitszeiten, vielen Urlaubstagen, großzügigen Feiertagsregelungen und gesellschaftsbedrohenden Frühpensionierungsmöglichkeiten (Stichwort: Hacklerregelung) sicher kein Hort unternehmerischer Ausbeuterei, die die Gewerkschaft und manche Parteiflügel in Ermangelung anderer Themen oder kreativer Zukunftsideen gerne aus der Mottenkiste des Klassenkampfs kramen würden. Pacher: "Wer die Zeichen der Zeit liest und unsere Mitbewerber im Auge hat, für den ist eine Arbeitszeitverlängerung das Gebot der Stunde, um die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Unternehmen, aber auch des Wirtschaftsstandortes abzusichern. Wenn man in einer schwierigen Situation steckt, sind Einfallsreichtum, Fleiß und Einsatz gefragt - nicht schwüle Sozialromantik in der unbegründeten Hoffnung, irgendwer würde das schon bezahlen, und wenn nicht heute, dann halt die nächsten Generationen. Genau diese Geisteshaltung hat uns in den Schuldturm gebracht, damit ist jetzt Schluss."
 
Europa muss mehr arbeiten
Wie gefährlich amateurhaftes Hantieren an der Arbeitszeitschraube sein kann, werde am Beispiel Frankreichs deutlich: Die „Grande Nation“ hat durch die Einführung der 35-Stunden-Woche heute bei Vollzeitbeschäftigen mit 1.601 Stunden die geringste Jahresarbeitszeit in der EU; Österreich liegt mit 1.736 Stunden knapp über dem EU-Schnitt von 1.715 Stunden. Österreich verzeichnet heute wie im Jahr 2000 eine Arbeitslosigkeit von 4,2 Prozent, in Frankreich liegt sie bei 10 Prozent. Darüber hinaus hat die Arbeitszeitverkürzung in Frankreich die Personalkosten massiv erhöht. Diese Kosten wurden teilweise durch staatliche Zuschüsse kompensiert, die aber das Budgetdefizit vergrößerten: Während das Land im Jahr 2000 noch einen Leistungsbilanzüberschuss von 1,1 Prozent des BIP verzeichnete, drehte die Bilanz danach rasch ins Minus und erreichte 2005 ein Defizit von 2,1 Prozent. Pacher: "Deutschland ist den entgegengesetzten Weg gegangen und hat im selben Zeitraum die Arbeitszeiten teilweise verlängert: Heute ist Deutschland wettbewerbsfähig und hat fast Vollbeschäftigung.“" Das sei auch darauf zurückzuführen, dass seit Mitte der 90er Jahre die Lohnstückkosten in Deutschland lediglich um knapp vier Prozent gestiegen seien, in Frankreich allerdings um elf Prozent. In Deutschland beträgt die tarifliche Wochenarbeitszeit im Durchschnitt 37,7 Stunden, effektiv sogar bei 39,9 Stunden, und liegt damit im europäischen Mittelfeld.
 
AK-ÖGB: Gegen besseres Wissen
Für die stark exportorientierte Wirtschaft Österreichs kann die Devise in schwierigen Zeiten und in einem harten globalen Wettbewerb daher nur lauten: Mehr arbeiten statt weniger. Interessanterweise sehen das auch AK und ÖGB auf ihrer Website auf ihrer Website "Arbeit & Wirtschaft" so. Dort wird eine europaweite Erhebung zum Thema Arbeitszeit von Ende 2010 veröffentlicht. Ein Auszug:
 
  • 40-Stunden-Woche als Standard:
    Auch wenn der Anteil der Personen in Europa, die zwischen 39 und 41 Stunden pro Woche arbeiten, seit Beginn der 1990er-Jahre leicht abnimmt, so arbeiten dennoch rund 30 Prozent der ArbeitnehmerInnen (EU-12) - vereinfacht dargestellt - in einem 40-Stunden-Arbeitsverhältnis/Woche. Mehr als die Hälfte der ArbeitnehmerInnen arbeiten zwischen 35 und 41 Std, pro Woche!
 
 
Steuervorteile für Überstunden
Den Vorwurf, die Wirtschaft wolle sich bei der Arbeitszeitflexibilisierung nur Überstundenzuschläge sparen, kann Pacher nicht nachvollziehen: "Zuerst wirft man der Wirtschaft vor, dass zu viele Überstunden verlangt werden, dann wirft man der Wirtschaft vor, dass sie Überstunden vermeiden will, weil sie zu teuer sind. Was denn nun?" Außerdem seien Überstunden für viele Mitarbeiter nicht nur aufgrund hoher Zuschläge von 50 bis zu 100 Prozent lukrativ (in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz sind 25 Prozent üblich), sondern auch aufgrund der geltenden Steuerbefreiung. "Der Gesetzgeber fördert somit Überstunden. Auch das WIFO hat daher vorgeschlagen, die Steuerbefreiung für Überstunden zurückzufahren", sagte Pacher.
 
Informationen:
Wirtschaftskammer Kärnten
Öffentlichkeitsarbeit
T 05 90 904 – 660