Deutliche Verschlechterungen in Standortrankings wahrnehmbar – Reformtempo muss rasch erhöht werden – Schweden als Vorbild in der Reformpolitik sehen
Mit einem deutlichen Appell meldeten sich gestern, Mittwoch, Abend, der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl, sowie der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Veit Sorger, zu Wort: „Österreich hat in wesentlichen internationalen Rankings und Standortvergleichen wertvollen Boden verloren. Der heimische Standort darf nicht Mittelmaß werden, sonst droht eine ernsthafte Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit“, so Leitl und Sorger unisono. Leitl forderte einen „Turnaround“ ein, damit sich Österreich wieder an die Spitze arbeite. Wer sich mit Mittelmaß zufrieden gebe, der nehme bewusst einen Chancen- und Wohlstandsverlust in Kauf, so der WKÖ-Präsident. Gleichzeitig dankte Leitl dem IV-Präsidenten für acht Jahre erfolgreiche Zusammenarbeit, in denen einige wesentliche Erfolge für den Wirtschaftsstandort Österreich erzielt werden konnten, wie die Steuerreform oder die Umsetzung der Rot-Weiß-Rot Card. Gleichzeitig habe man immer wieder deutliche Reformen etwa im Gesundheits-, Pensions- und Bildungsbereich eingefordert.
Sorger verwies darauf, dass die Industriellenvereinigung bereits früh auf die Problematik der Abwärtsentwicklung Österreichs in internationalen Vergleichen aufmerksam gemacht habe. Sorger nannte als Positivbeispiel Schweden: Hier habe man die Schuldenquote von bis zu 80 Prozent durch „kluge Reformen“ auf rund 19 Prozent senken können. Bei den Sozialleistungen habe es trotzdem keine wesentlichen Verschlechterungen gegeben. Einsparungen und professionelle Strukturierungen hätten dazu geführt, dass sich Schweden heute zukunftsfit präsentiere. In einem Vergleich der Jahre bis 2011 zeige sich, dass sich Schweden gegenüber Österreich einen Zinsvorteil von rund 1,5 Prozent erarbeite habe, und dadurch für seine Schulden deutlich weniger bezahle. „Wir sollten Schweden als Beispiel sehen, wie intelligentes Sparen zu Wirtschaftswachstum führen kann. Und wir dürfen nicht mit standortschädlichen Steuern hantieren, sondern mit Strukturreformen punkten“, forderte Sorger.
Österreich könne noch immer in vielen Vergleichen Stärken vorweisen. Diese betreffen u.a. die geringe Arbeitslosigkeit, die vorbildliche duale Ausbildung, einen starken Export, innovative Betriebe und die hohe Lebensqualität. Österreich befinde sich noch immer unter den 31 Prozent am besten bewerteten Länder, „wir dürfen uns aber nicht auf diesem Polster ausruhen“, so Leitl. Die Rankings, die die WKÖ im neuesten Monitoring Report aufgelistet hat, zeigten nun mit aller Deutlichkeit die Baustellen auf, denen die heimische Politik – teilweise seit Jahren – ausweiche: Die hohe Staatsverschuldung und das deutlich angewachsene Budgetdefizit, die Steuer- und Abgabenquote, das langsame Reformtempo bei Pensionen, Bildung, Verwaltung und im Sozialsystem sowie den Fachkräftemangel.
Beispiele für das schlechtere Abschneiden Österreichs sind u.a. der jüngste Rangverlust im „World Competitiveness Scoreboard 2012“ des Schweizer IMD, in dem Österreich von dem 18. Rang im Vorjahr auf den 21. Rang zurückgefallen ist. 2007 lag Österreich hier noch auf dem 11. Platz.
Wirtschaftsbarometer: Unternehmen bei Investitionen zurückhaltend
„Die heimischen Unternehmen rechnen für 2012 mit einer Verschlechterung in den kommenden 12 Monaten, die Erwartungshaltung ist jedoch nicht mehr so negativ wie Ende 2011. Die Unternehmen sind nach wie vor zurückhaltend bei ihren Investitionsentscheidungen, überwiegend werden nur Ersatzinvestitionen getätigt“, so Christoph Schneider, Leiter der Wirtschaftspolitischen Abteilung der WKÖ. Grundsätzlich gehen die Unternehmen von einer Erholung der Exportumsätze aus, die Erwartungen zu Investitionen und Beschäftigung sind wesentlich zurückhaltender.
Das Wirtschaftsklima spiegelt die anhaltend unsichere konjunkturelle Situation wider. Aus den Ergebnissen sei jedenfalls eine klare Trendwende nicht ersichtlich, so Schneider. Eine positive Stimmung unter den Unternehmen könne die Erholung verstetigen und verbreitern, um so eine Trendwende von Erholung zum Aufschwung zu bewirken.
Das halbjährlich durchgeführte Wirtschaftsbarometer beruht auf einer Internetbefragung von 2.0000 österreichischen Unternehmen. Die Daten für das Frühjahr 2012 wurden im Mai erhoben. (us)
Rückfragen:
- Wirtschaftskammer Österreich
Stabsabteilung Presse
Mag. Rupert Haberson
Tel.: (+43) 0590 900-4362
Mail: presse@wko.at
- Industriellenvereinigung
Marketing & Kommunikation
Dr. Raphael Draschtak
Tel.: +43 1 71135-2302
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