WKÖ-Lorentschitsch - Einzelhandel im 1. Halbjahr 2012: „Mehr Beschäftigte trotz realer Umsatzstagnation“

26.07.2012
Mag. René Tritscher / Jürgen Rupprecht

Zahl der Mitarbeiter trotz Umsatzstagnation in allen Monaten gestiegen – Strukturanalyse Einzelhandel im Wandel - Spannungsfeld zwischen Stabilität und Dynamik

   

Der stationäre Einzelhandel (exkl. Tankstellen und exkl. nicht-stationärem Einzelhandel) erzielte im ersten Halbjahr 2012 bei einem im Vergleich zum Vorjahr zusätzlichen Verkaufstag ein nominelles Umsatzwachstum von 2 % und partizipierte damit von der robusten Konsumnachfrage. Die Umsatzentwicklung war damit besser als im zweiten Halbjahr 2011, jedoch schwächer als in den Halbjahren davor. Absolut betrug der stationäre Einzelhandels¬umsatz in der ersten Jahreshälfte 2012 damit netto rund 25,1 Milliarden Euro. Diese Kennzahlen zum Einzelhandel in Österreich präsentierten heute, Donnerstag, Bettina Lorentschitsch, die Obfrau der Bundessparte Handel in der WKÖ, Handelsforscher Peter Voithofer (KMU Forschung Austria) und Bundesspartengeschäftsführer René Tritscher.

Erfreulich: Anstieg der Zahl der im Einzelhandel Beschäftigten

Im österreichischen Einzelhandel (inkl. Tankstellen, nicht-stationärer Einzelhandel) waren im ersten Halbjahr 2012 im Durchschnitt knapp 280.000 unselbstständig Beschäftigte (exkl. geringfügig Beschäftigte) tätig: „Das sind um 1,7 % mehr als im Vorjahr. Damit erweist sich der Handel einmal mehr als  guter und wichtiger Arbeitgeber, der auch seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht wird“, unterstreicht Handelsobfrau Lorentschitsch die Bedeutung des Handels für unser Land. Insgesamt arbeiten damit im gesamten Handel in Österreich – das sind Einzel-, Groß- und Kfz-Handel zusammen - rund 550.000 Menschen. Lorentschitsch weiter: „Dieser Wirtschaftssektor ist einer der größten Arbeitgeber, der zweitgrößte Lehrlingsausbilder und für ein erhebliches Steueraufkommen in unserem Land verantwortlich.“

Nach Branchen betrachtet: Schuheinzelhandel im ersten Halbjahr 2012 Branchensieger

Der Schuheinzelhandel erzielte im ersten Halbjahr 2012 mit einem Plus von 4,9 % - allerdings ausgehend vom niedrigen Vorjahresniveau - das höchste nominelle Umsatzwachstum. An zweiter Stelle des Halbjahresrankings liegen die Drogerien und Parfümerien, gefolgt vom Sportartikel-, Lebensmittel- und Elektroeinzelhandel (inkl. Computer, Foto). Der Spielwaren- sowie der Buch- und Papiereinzelhandel konnten hingegen das Umsatzniveau des Vorjahres nominell nicht übertreffen.
Im realen Ergebnis spiegeln sich die Preisentwicklungen der einzelnen Branchen wider. Mit dem Elektroeinzelhandel (inkl. Computer, Foto) konnte jene Branche das höchste mengenmäßige Wachstum verzeichnen (+4,9 %), in der die Preise im Durchschnitt am stärksten zurückgingen. Demgegenüber liegt der Branchensieger bei nomineller Betrachtung, der Schuheinzelhandel, in Folge von überdurchschnittlichen Preis-steigerungen im betrachteten Warenkorb an vorletzter Stelle des Rankings (real: -3,0 %). Die überdurchschnittlichen Preiserhöhungen sind vor allem auf Damen-Sommerhalbschuhe und Stiefeln zurückzuführen, wo modische Trends zu Preisschwankungen führten.

Starke Polarisierung zwischen Einzelhandelsgeschäften

In Bezug auf die nominelle Umsatzentwicklung zeigt sich im ersten Halbjahr 2012 weiterhin eine große Bandbreite zwischen den Einzelhandelsgeschäften: Während 25 % der Standorte ein Umsatzplus von mehr als 10 % erzielen konnten, meldeten 22 % Erlös-rückgänge von mehr als 10 %. Insgesamt war der Anteil der Einzelhandelsgeschäfte mit einem Wachstum (49 %) höher als mit einem Umsatzminus (41 %).

Unterschiedliche Produktgruppen mit differenzierter Preisentwicklung

Im ersten Halbjahr 2012 lagen die durchschnittlichen Verkaufspreiserhöhungen im Einzelhandel mit 2,1 % weiterhin unter der Inflationsrate (2,4 %). Zudem hat der Preisauftrieb sowohl bei den Einzelhandelspreisen als auch bei den allgemeinen Verbraucherpreisen gegenüber dem Vorjahr abgenommen. Im Einzelhandel mit Elektrogeräten, Computer und Fotoartikeln waren gar Preisrückgänge zu beobachten. Auch im Bekleidungseinzelhandel gingen die durchschnittlichen Verkaufspreise in der ersten Jahreshälfte zurück.

Die KMU Forschung Austria hat in ihrer Erhebung auch die Stimmungslage der Händlerinnen und Händler und deren Erwartungen an die Zukunft abgefragt: „Dabei zeigt sich, dass der heimische Einzelhandel für die kommenden Monate deutlich zuversichtlicher ist als im Vorjahr: Der Anteil der Pessimisten ist gesunken, jene der Optimisten gestiegen“, brachte es Handelsobfrau Lorentschitsch auf den Punkt.

Der Handel im Wandel: Strukturwandel im Einzelhandel in Österreich gewinnt an Fahrt

René Tritscher, Geschäftsführer der Bundessparte Handel in der WKÖ, und Handelsforscher Voithofer präsentierten zusätzlich zu den Ergebnissen der Konjunkturerhebung die aktuelle Strukturanalyse der KMU Forschung Austria im Auftrag der Bundessparte Handel: „Der Strukturwandel im Einzelhandel in Österreich gewinnt an Fahrt“, formuliert Tritscher, Voithofer sieht den Handel „im Spannungsfeld zwischen Stabilität und Dynamik“.

Die Strukturanalyse zeigt für den aktuellen Erhebungszeitraum – vom ersten Quartal 2011 bis zum ersten Quartal 2012 - einen Rückgang der stationären Einzelhandelsgeschäfte bei gleichzeitig steigender Verkaufsfläche. Der Strukturwandel im österreichischen Einzelhandel gewinnt an Fahrt und die Konzentrationstendenzen verstärken sich.

Zahl der Geschäfte sinkt, Verkaufsfläche wächst weiter

Der Strukturwandel im stationären Einzelhandel setzte sich weiter fort. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte um 5 % bzw. 2.100 gesunken. Betroffen sind vom Rückgang vor allem kleinflächige Einstandortunternehmen. Zum Erhebungszeitpunkt erstes Quartal 2012 sind den Konsumentinnen und Konsumenten rund 42.400 stationäre Einzelhandelsgeschäfte für ihren Einkauf zur Verfügung gestanden. Hinzu kommen noch rd. 2.000 Verkaufslokale von Großhandelsunternehmen, die auch für Endverbraucher zugänglich sind und rd. 4.000 Ladengeschäfte von Erzeugungsunternehmen, die vorwiegend ihre selbst erzeugten Produkte vertreiben. In Summe sind damit 48.400 stationäre Geschäfte am heimischen Markt tätig – erstmals ist die Marke von 50.000 Geschäften unterschritten.

Der Strukturwandel im stationären Einzelhandel ist geprägt durch das Ausscheiden kleiner Einstandort-Unternehmen bei gleichzeitig anhaltender Expansion von großen Einzelhandelsunternehmen. Auch die zunehmende Bedeutung von Franchisebetrieben kann den Rückgang von inhabergeführten Einzelhandelsgeschäften nicht wesentlich dämpfen. Gleichzeitig setzen immer mehr stationäre Einzelhändler auf eine Mehrkanal-Vertriebsstrategie mit Ladengeschäft und Online-Shop. Trotz rückläufiger Zahl an Geschäften wächst die – ohnehin sehr hohe – Verkaufsflächendichte in Österreich weiter an. Treiber sind neben filialisierten Einzelhandelsunternehmen vor allem Einkaufs- und Fachmarktzentren. Alleine 2011 ist mehr als ein Viertel des Verkaufsflächenwachstums auf die Neueröffnung von Einkaufszentren zurückzuführen. Marktanteilsgewinne können nur mehr im Verdrängungswettbewerb realisiert werden. Zudem wird die dynamische Entwicklung im Internet-Einzelhandel den Druck auf den stationären Einzelhandel weiter erhöhen. (JR)









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