Genug Fachkräfte? Königsaufgabe für das Gewerbe und Handwerk

04.10.2012
Medienabteilung

Verhaltene Konjunktur im oö. Gewerbe und Handwerk

   

 

Ersatztext

Günther Pitsch, oö. Spartenobmann:
Fachkräftemangel spitzt sich zu

Die statistischen Werte sprechen eine deutliche Sprache. Ende dieses Jahrzehnts wird es in Oberösterreich fast 4000 15-Jährige und damit potenzielle Lehranfänger weniger geben als heute. „Was das für unsere personalintensiven Gewerbe- und Handwerksbetriebe bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Wir werden massive Schwierigkeiten bekommen, ausreichend Berufsnachwuchs heranzubilden“, betont Günther Pitsch, Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk in der WKO Oberösterreich.

Jedes dritte Unternehmen beklagt fehlende Fachkräfte

Es wurde und wird zwar viel unternommen, um die drohende Lehrlingslücke zu schließen und die Lehrberufe attraktiv zu machen. Als Beispiele nennt Pitsch die oö. Sparteninitiative die Lehre mit Matura, die Ausbildungsverbünde, die neuen Berufsbilder oder die Lehrlingsmessen in Wels und in praktisch allen Bezirken Oberösterreichs. Aber die demografische Entwicklung lässt sich nicht umkehren.
 
„Schon jetzt liegt laut Konjunkturerhebung der KMU Forschung Austria der Fachkräftemangel nach der Preiskonkurrenz an zweiter Stelle der Problembereiche im oö. Gewerbe und Handwerk“, weiß Pitsch. „Jedes dritte Unternehmen nennt die fehlenden Fachkräfte als den Bereich, der ihn in seiner Geschäftstätigkeit nachhaltig beeinträchtigt. Und das wird sich in absehbarer Zukunft — vor allem dann, wenn die Konjunktur wieder anzieht — noch verschärfen.“ Dies zeigt allein schon der Blick auf 2008, wo der Konjunkturmotor noch gebrummt hat und von einer weltweiten Krise noch keine Rede war.

Metall und Bau hauptbetroffen

Während Großbetriebe fehlendes Personal leichter durch besondere Rekrutierungsmaßnahmen kompensieren können, etwa im EU-Ausland, sind die vielen kleinen Gewerbe- und Handwerksbetriebe stark vom selbst ausgebildeten Berufsnachwuchs abhängig. Und hier fehlt es, vor allem in Branchen wie dem Metallbereich, am Bau oder im Tourismus.
 
Untermauert wird diese Einschätzung von Zahlen des AMS OÖ. So waren etwa im großen Metallbereich (Erzeugung, Bearbeitung und Maschinenbau) zwischen Jänner und August 2012 1440 offene Stellen mit Lehrabschluss ausgeschrieben. Noch höher die Werte im Bau (Hoch- und Tiefbau) und baunahen Bereich (vorbereitende Baustellenarbeiten, Installation und Ausbaugewerbe) mit über 2080 offenen Stellen.

Gegensteuern, Strukturen reformieren und Lehre weiter attraktivieren

Vor diesem Hintergrund fordert Pitsch kleine wie große Maßnahmen. „Zum einen müssen wir die Lehre weiter attraktivieren. Und dies muss auch bei den jungen Menschen und vor allem deren Eltern ankommen“, ist Pitsch überzeugt. Eine dieser kleineren Maßnahmen unternimmt die Sparte mit der Initiative „lehrlingshelden.at“, die sich der jungen Medien bedient. „Dabei versuchen wir, mit den alten Vorstellungen über Lehre und Lehrinhalte genauso aufzuräumen, wie mit dem Märchen, dass die Lehre eine berufliche Einbahnstraße ist und man schon nach wenigen Jahren in einer Karriere-Sackgasse steht“, erklärt er.
 
Darüber hinaus braucht es aber auch große Maßnahmen, wie etwa die schon in die Wege geleitete oö. Arbeitsmarktstrategie. Hier will man quantitativ wie qualitativ (Höherqualifizierung) das Arbeitskräfteangebot an den Bedarf der Wirtschaft anpassen. Aber es braucht auch bundesweite Strukturreformen in der Aus- und Weiterbildung, wie z.B. die Aufwertung der dualen Ausbildung und die stärkere Durchlässigkeit des Bildungssystems. „Wir müssen vor allem in den urbanen Räumen den Trend weg von der Lehre, hin zur AHS brechen“, nennt Pitsch einen wichtigen Ansatzpunkt.
 
Einen durchaus überlegenswerten Ansatz sieht Pitsch im jüngsten Vorschlag von WKÖ-Präsident Leitl, wonach Maturanten ein einjähriges, intensives Praxisjahr absolvieren und so zueinem Lehrabschluss kommen. „Man soll nicht immer gleich nein sagen, sondern auch neue Wege andenken“, so Pitsch.

Potenziale besser nutzen

Weiters braucht es grundsätzliche Maßnahmen, damit das Potenzial von Älteren, von Frauen und von Personen mit Migrationshintergrund besser genutzt und die qualifizierte Zuwanderung gefördert wird.
 
Schon jetzt beklagt jeder zweite heimische Betrieb mit bis zu 20 Mitarbeitern, dass er eine personelle Lücke nicht zufriedenstellend besetzen kann. „Wir müssen Aktivitäten setzen. Denn eines ist klar, der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern wird uns die nächsten Jahre mehr beschäftigen, als uns lieb ist“, so Pitsch.

Oö. Lehrlingszahl schrumpft

Noch ist das oö. Gewerbe und Handwerk mit über 11.500 Lehrlingen oder 47 Prozent aller Lehrlinge deutlich stärkster Ausbildner. Die Lehrlingszahl war jahrelang relativ konstant und bewegte sich in den letzten 10 Jahren zwischen 12.000 und 13.300. Seit zwei Jahren ist allerdings ein deutlicher Rückgang festzustellen, insgesamt und im Gewerbe und Handwerk. „Trotz aller Attraktivierungsmaßnahmen geht die Zahl der Lehrlinge leicht aber stetig zurück — einfach aus demografischen Gründen“, so Pitsch. So gab es im Gewerbe und Handwerk heuer um 327 (2,7 Prozent) weniger Lehrlinge als im Vorjahr, in ganz OÖ waren es um 567 oder 2,3 Prozent weniger.

Oö. Gewerbe und Handwerk blickt verhalten in die Zukunft

Was die Konjunktur angeht, blickt das oö. Gewerbe und Handwerk verhalten in die Zukunft. Laut Konjunkturbeobachtung der KMU Forschung Austria überwiegen jene Betriebe, die die Lage im Sommerquartal als gut eingeschätzt haben (27 Prozent gut, 14 Prozent schlecht). „Allerdings haben sich die Werte gegenüber dem 3. Quartal des Vorjahres leicht verschlechtert“, merkt Pitsch an.
 
Noch stärker verändert haben sich die Einschätzungen, was den Geschäftsverlauf für das laufende Vierteljahr betrifft: Demnach rechnen 22 Prozent der Betriebe mit steigenden Umsätzen bzw. Auftragseingängen (Vorjahr: 29 Prozent) und 18 Prozent mit Rückgängen (Vorjahr: 11 Prozent). „Hier dürfte die unsichere bzw. nachlassende Konjunktur in Europa samt Euro-Diskussionen sowie der Zwang des Staates zum Sparen eine Rolle spielen“, glaubt Pitsch.
 
Umso mehr müsste man nach Meinung des Spartenobmannes antizyklische Impulse auf innerstaatlicher Ebene setzen. Er nennt hier den Handwerkerbonus nach deutschem Vorbild, der, wie sich in Deutschland gezeigt hat, für den Staat im schlechtesten Fall ein Nullsummenspiel ist, für Betriebe, Beschäftigte und Private aber entsprechend positiv wirken würde. „Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber wir brauchen Anreize zum Investieren, und zwar bei allen Wirtschaftsteilnehmern“, so Pitsch.

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